„In welcher Gesellschaft woll(t)en wir leben?“ 

„In welcher Gesellschaft woll(t)en wir leben?“ 


„In welcher Gesellschaft woll(t)en wir leben?“ 


Das Oranienwerk feiert 30 Jahre deutsche Einheit 

mit zahlreichen Gästen 

Die Veranstaltung
„Zeitenwende – Wendezeiten. Der lange Weg der Transformation in Ostdeutschland“ nahm am 27. September 2020 im Oranienwerk das Erreichte in 30 Jahren seit der deutschen Einheit mit Theater, Podiumsdiskussion und Ausstellung in den Blick.
Zu Wort kamen dabei vor allem die Besucher*innen.
Dieser Bericht dokumentiert die Erfahrungen von mit dem Oranienwerk in unterschiedlicher Weise verbundenen Menschen, die während der Veranstaltung in der
„Zeitzeugen-Box“ von ihren persönlichen Erlebnissen aus der Umbruchszeit 1989/90 berichteten.

Von 100 auf 0: Plötzlich arbeitslos

„Zur Wendezeit war ich noch auf dem Kran und Krupp hat gesagt: ‚Das ist Männerarbeit‘. Die Frauen wurden auf null gesetzt, um die Männer zu halten. Ab dem Zeitpunkt war im Kaltwalzwerk Oranienburg für mich kein Blumentopf mehr zu gewinnen.“ Für Ingrid Ludwig bedeutete der Umbruch 1989/90 einen tiefen beruflichen und persönlichen Einschnitt. 23 Jahre habe sie im Kaltwalzwerk gearbeitet, davon über die Hälfte als Kranfahrerin, erzählt die heute 70-Jährige im Interview. Es ist Sonntag, der 27. September 2020, im ersten Obergeschoss des Oranienwerks, welches sich heute in den verbliebenen Gebäuden von Ludwigs früherer Arbeitsstätte befindet, lädt die „Zeitzeugen-Box“ Besucher*innen dazu ein, von ihren „Wende“-Erfahrungen zu erzählen. 

Auch 30 Jahre später geht ihr dieses Erlebnis noch nahe, sagt Ludwig. Es traf sie schwer, plötzlich arbeitslos zu sein. Sie habe sich geschämt, sich nicht vor die Tür getraut: „Ich dachte, man sieht mir das an der Nasenspitze an“, sagt Ludwig und kämpft mit den Tränen. Ihre Biographie steht stellvertretend für viele Menschen, die mit der Umstellung von Plan- auf Marktwirtschaft plötzlich nicht mehr gebraucht wurden, die sich nach dem Verlust des Arbeitsplatzes von Weiterbildung zu Weiterbildung von Minijob zu Minijob gehangelt haben – manchmal, wie in Ingrid Ludwigs Fall, bis zur Rente. Von ihren Erfahrungen wird sie wenig später als Podiumsgast berichten und mit Journalistin Sabine Dahl, Politiker Björn Lüttmann, Historiker Wolf-Rüdiger Knoll und Ludwigs ehemaligem Kollegen Gerhard Horn über die Abwicklung des Oranienburger Kaltwalzwerks diskutieren. (PresseEcho)

Podiumsdiskussion
„Umbruch, Abbruch, Aufbruch. Der
Umbau der ostdeutschen Wirtschaft nach 1989/90“

Impulsreferat: Wolf-Rüdiger Knoll
Moderation: Sabine Dahl
Podiumsgäste: Björn Lüttmann, Wolf-Rüdiger Knoll, Ingrid Ludwig, Gerhard Horn

Gerhard Horn, Ingrid Ludwig, Sabine Dahl
(Foto: Oranienwerk)

Ingrid Ludwig, Sabine Dahl, Björn Lüttmann
(Foto: Oranienwerk)

Moderation: Sabine Dahl
(Foto: Oranienwerk)

 Impulsreferat: Wolf-Rüdiger Knoll

(Video: Lennart Noeske)

Podiumsdiskussion
„Umbruch, Abbruch, Aufbruch. Der Umbau der ostdeutschen Wirtschaft nach 1989/90“

Moderation: Sabine Dahl
Podiumsgäste: Björn Lüttmann, Wolf-Rüdiger Knoll, Ingrid Ludwig, 
Gerhard Horn
(Video: Lennart Noeske)

Das Treuhand-Trauma: ein Theaterstück als gesellschaftliche Psychotherapie

Christiane Grintzewitsch kann Menschen wie Ingrid Ludwig gut verstehen. Den plötzlichen Verlust von allem Vertrauten und die Notwendigkeit sich noch einmal völlig neu zu orientieren, sagt die Vorsitzende des Oranienburger Kunstvereins, habe ihre Familie direkt nach dem Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib gespürt. Grintzewitsch ist in Mecklenburg geboren, aber in West-Berlin aufgewachsen. Was sie nach 30 Jahren Einheit immer noch „schwer ärgert“ sei die Ignoranz vieler Westdeutscher gegenüber den Leistungen der Menschen aus der ehemaligen DDR. „Die Mauer ist doch nur deshalb gefallen, weil die Ostdeutschen riefen ‚Wir sind das Volk‘ – das war nicht der Westen!“ Grintzewitsch ist an diesem Sonntag ins Oranienwerk gekommen, um sich vor allem die Aufführung von „Treue Hände“ anzusehen.

Die dreiteilige Reihe der Theatergenossenschaft „Traumschüff“ thematisiert das Trauma Treuhand und ist, wie Regisseur David Schellenberg erklärt, „aufgrund der Gespräche mit unseren Zuschauern entstanden“. Dabei konnte die Theatercrew auch ehemalige Beschäftigte des Oranienburger Kaltwalzwerks interviewen. Seit 2018 tourt das „Traumschüff“ bereits durch die brandenburgische Provinz – und wird dort gefeiert, weil die Stücke das Publikum emotional berühren, weil da wenig Distanz ist zwischen den Generationen. „Zu Corona-Zeiten ist das natürlich schwierig“, gibt Schellenberg zu. Die Premiere zum dritten Teil von „Treue Hände“, die eigentlich für den 27. September 2020 geplant war, musste deshalb verschoben werden. Stattdessen hat die Crew eine Videoinstallation entworfen, in der die Figuren aus „Treue Hände“ über die Frage „30 Jahre später… und dann?“ sinnieren und die Betrachtenden zum Nachdenken anregen. Dass eine junge Generation den Blick aus der Vergangenheit auf Gegenwart und Kommendes richtet, findet Christiane Grintzewitsch wichtig. Schließlich wirkt die Vergangenheit im Heute fort.

30 Jahre später... und dann? eine Interviewserie
Folge 1: Gitti und Sylvia, Frühe 90er 
(Video: Traumschüff geG)

30 Jahre später... und dann? eine Interviewserie
Folge 10: Herr Barsch und Gitty Fiebig, Frühe 90er
(Video: Traumschüff geG)

Nicht Ossi, sondern Brandenburger: Stolz auf das Erreichte

Das sieht auch Oranienburgs langjähriger Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke so: „Wenn ich die Demos in Dresden von ‚Pegida‘ und der AfD sehe, dann glaube ich, dass da auch viele Held*innen von 1989 dabei sind, deren Erwartungen die Einheit nicht erfüllt hat.“ Laesicke zufolge werde der ‚Osten‘ in den Medien immer noch als etwas Fremdes, von der westdeutschen Norm abweichendes dargestellt. „Ist doch klar, dass viele dann in eine Defensivhaltung umschalten, ihre Herkunft glauben verteidigen zu müssen.“ Sieht er sich selbst denn als ‚Ossi‘? Zuerst einmal sei er Brandenburger, stellt Laesicke klar. Er findet es absurd, dass nach 30 Jahren immer noch von ‚neuen‘ Bundesländern gesprochen werde: „Brandenburg gibt es historisch gesehen schon mehrere Jahrhunderte, es ist eines der deutschen Kernländer!“ Dass nicht alles schlecht war und man auch stolz sein dürfe auf das Erreichte, teilt Laesicke mit Gerhard Rost. „Mit dem, was wir in der DDR unter den gegebenen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen geschafft haben, müssen wir heute nicht hinterm Berg halten“, sagt Rost. Der gelernte Baufacharbeiter verbindet mit dem Kaltwalzwerk vor allem seine Jugend und einen denkwürdigen Tag im April 1986, als Sigmund Jähn das Werk besuchte – unter anderem auf Initiative Rosts. 

Das Kaltwalzwerk war bis 1993 der größte Arbeitgeber der Stadt, es entstand aus der 1912 gegründeten Stahlfederfabrik „Heintze & Blanckertz“, gleichzeitig die älteste Stahlfederfabrik Deutschlands. Bis 1937 fertigten die hier Beschäftigten den für Schreibfedern benötigten feinen Bandstahl, bis der Betrieb im Zuge der NS-Kriegsvorbereitungen auf Rüstungsproduktion umstellte und ab Kriegsbeginn zahlreiche Zwangsarbeiter*innen beschäftigte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Betrieb zunächst als VEB Schreibfedernfabrik neu gegründet, Anfang der 1950er Jahre – infolge der staatlichen Fokussierung auf die Schwerindustrie – in den VEB Kaltwalzwerk Oranienburg umgewandelt. Das Kaltwalzwerk gehörte als Betriebsteil dem VEB Stahl- und Walzwerk „Wilhelm Florin“ Hennigsdorf an, dessen Arbeiter*innen am 17. Juni 1953 mit ihrem Streik-Marsch zur DDR-Regierung in Ostberlin in die Geschichte eingingen. 1969 erfolgte die Eingliederung beider Stahlwerke in den DDR-Vorzeige-VEB Bandstahlkombinat „Hermann Matern“ in Eisenhüttenstadt. 1990 übernahm die Thyssen Krupp AG das Kaltwalzwerk und schloss es 1993 unter Protest der Beschäftigten. Der Großteil des Werks wurde infolge abgerissen.

In der Zeitzeugen-Box: Hans-Joachim Laesicke
berichtet von seinen Erfahrungen im Umbruch 1989/90. 
(Foto:Hana Hlásková)

In der Zeitzeugen-Box: Stephan Kordecki
(Foto:Hana Hlásková)

Industriekultur als Identitätsanker: vom Kaltwalzwerk zum Oranienwerk

Das, was heute noch steht, ist materialisierte Industriegeschichte – und damit ein wichtiger Teil der Identität der Oranienburger*innen.
Die Historikerin Manuela Vehma war Anfang der 1990er Jahre Leiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde. „Wir wollten das Werk damals unter Denkmalschutz stellen“, so die heute 58-Jährige. „Aber mit Krupp und der Politik war darüber nicht zu reden.“ Dass wenigstens die historischen Gebäude aus der Zeit von „Heintze & Blanckertz“ erhalten geblieben sind, sei vor allem dem Zufall in Form unterschiedlicher Eigentumsverhältnisse zu verdanken. Der Abriss des Werks ist für Hans-Joachim Laesicke immer noch unvorstellbar. Um 1990 war das Kaltwalzwerk eines der modernsten in ganz Europa, weil es wenige Jahre zuvor noch mit Westtechnik ausgestattet worden war. „Ich hätte damals nicht geglaubt, dass dieser Betrieb als einer der ersten geschlossen würde!“ 

In den Nachwendejahren drückten sich die Eigentümer*innen der noch stehenden Teile des Werks die Klinke in die Hand, zeitweise standen die Gebäude ganz leer. Bis 2011 das Unternehmerehepaar Christoph Miethke und Sabine Opdensteinen aus Potsdam die Liegenschaft im Oranienburger Zentrum ersteigerten und zum Kultur- und Kreativzentrum, dem heutigen Oranienwerk, umbauten. „Ich finde es beeindruckend, wie behutsam die alten Gebäude saniert wurden“, sagt Stephan Kordecki. „Für die Oranienburger Kulturszene ist das ein Segen.“ Der 53-jährige Statiker ist Bassist in einer Rockband, die im Oranienwerk ihren Proberaum hat. Künstler und Kreative hätten hier einen Ort der Inspiration, der – dadurch, dass er Geschichte „atmet“ – einzigartig ist in der Stadt.

die historischen Gebäude aus der Zeit von „Heintze & Blanckertz“ jetzt das Oranienwerk (Foto:Cell5)

Führung durch die Ausstellung
(Foto:Oranienwerk)

Führung durch die Taschenschirmhalle
(Foto:Oranienwerk)

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Auf Tour durchs ehemalige Kaltwalzwerk: 
Die Zeitzeugen Gerhard Horn und Uli Wotschke berichten vom früheren Arbeitsalltag und
dem Wandel seit 1989/90 an diesem Ort. (Video: Oranienwerk)

Mauerfall 89: neue Verbindungen und bestehende Teilungen

Das findet auch Thomas Henschel, der als Theaterregisseur eng mit der Crew vom „Traumschüff“ zusammenarbeitet – insbesondere seit diese ihr Winterquartier im Oranienwerk aufgeschlagen hat. Henschel ist, wie er von sich selbst sagt, ein „Aussteiger“. Aufgewachsen in Lübeck und lange in West-Berlin lebend, war der Mauerfall für ihn eine spannende Zeit. Denn die Öffnung der Grenze 1989 ebnete plötzlich Wege in ein Land, das für ihn vorher nur schwer zugänglich war. Das letzte Jahr der DDR empfand Henschel als ungeahnten Möglichkeitsraum. „30 Jahre ist das nun her.“ Henschel kann es kaum glauben. „Die DDR gab’s 40 Jahre und damals ist man im Glauben aufgewachsen, dass sich an der Teilung nie etwas ändern werde.“ Für ihn spielt das Denken in Ost-West-Kategorien bis heute keine große Rolle. „Ich kam ja aus dem Zonenrandgebiet, da war man dem Osten schon immer etwas näher – auch mental.“

Andere sehen, was den Stand der deutschen Einheit betrifft, durchaus noch Potenzial. „Ohne Infrastruktur kein Zusammenwachsen“, meint Christiane Grintzewitsch und findet, es dauere immer noch viel zu lange, bis beispielweise eine Straße zwischen Hennigsdorf und Spandau gebaut wird. Manuela Vehma ergänzt: „Solange nicht gleicher Lohn und gleiche Arbeitszeit in Ost wie West erreicht sind, bleibt die Ungerechtigkeit.“ Sie werde als Berlinerin zudem immer noch gefragt, ob sie aus dem West- oder Ostteil der Stadt komme. „Nach 30 Jahren!“ Für Stephan Kordecki gibt es hingegen keine Ost-West-Unterschiede. „Es kommt doch auf den Menschenschlag an und nicht auf die Herkunft.“ 

Blühende Landschaften? Lebensleistungen im „Umbruch Ost“

Die Geschichte der Einheit mit all ihren Schwierigkeiten und Erfolgen zu zeigen und dabei eben auch die viel zitierte „Lebensleistung“ der Ostdeutschen zu würdigen, ist das Anliegen der von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer herausgegebenen Ausstellung „Umbruch Ost. Lebenswelten im Wandel“, die im Rahmen der Veranstaltung „Zeitenwende – Wendezeiten“ auch im Oranienwerk zu sehen ist. Sie liefert den Kontext zu den Original-Objekten aus dem früheren Kaltwalzwerk, die Marco Bartsch vom Oranienwerk extra für die Veranstaltung aus dem „Werkarchiv“ geholt hat. „Vom hier hergestellten und für den Export bestimmten Knirps-Taschenschirm bis zu den Trikots der Werks-Elf haben wir einige spannende Exponate auf Lager“, sagt er. Sein Wunsch ist es, diese in einer Dauerausstellung über die Geschichte des Ortes zu zeigen, solange es Zeitzeug*innen gibt, und über Vergangenheit und Zukunft mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.

So wie am 27. September 2020 zu 30 Jahren deutsche Einheit. Thomas Henschel ist überzeugt, die Zeit nach dem Mauerfall habe überwiegend Positives gebracht – trotz vieler Probleme. Aber: „Mit der deutschen Einheit hängt auch die europäische Vereinigung zusammen. Das kann man gar nicht hoch genug schätzen.“ Und doch bleiben die Ansichten über die Bilanz von 30 Jahren widersprüchlich – je nach Erfahrung, Alter und Standpunkt. Das gehört, auch wenn es manchmal schwierig ist, zu unserer Demokratie. In welcher Gesellschaft woll(t)en wir leben? Das war das ungeschriebene Motto unserer Veranstaltung rund um drei Jahrzehnte Einheit. „Es gibt nicht die eine Wahrheit über die letzten 30 Jahre“, bringt es Stephan Kordecki auf den Punkt. „Ob es alles blühende Landschaften geworden sind? Für mich schon. Für andere nicht.“ (PresseEcho)


(Text: Christine Schoenmakers)

Eröffnung der Ausstellung 
„Umbruch Ost. Lebenswelten im Wandel“, 
durch die Musikschule Klang-Farbe Orange
(Foto: Christine Schoenmakers)

Ausstellung „Umbruch Ost. Lebenswelten im Wandel“
(Foto: Christine Schoenmakers)

Unser Dank geht an …


… die Zeitzeug*innen in der „Zeitzeugen-Box“: Christiane Grintzewitsch, Thomas Hentschel, Stephan Kordecki, Hans-Joachim Laesicke, Ingrid Ludwig Gerhard Rost und Manuela Vehma;

… die Fördermittelgeber: Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend / Landkreis Oberhavel mit dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“;

… die Veranstalter: Oranienwerk, Die Zeitreisenden GbR, Evangelisches Bildungswerk Oranienburg e.V.;

.. die Kooperationspartner: Musikschule Klang-Farbe Orange, Regionalmuseum Oberhavel, Theatergenossenschaft „Traumschüff“

und die vielen interessierten Besucher*innen!